Irmgard kann ihr eine gute Nachricht bringen: die Masseuse ist am Nachmittag dagewesen, um zu sagen, daß der Arzt für den nächsten Morgen die ersten Gehversuche erlaubt habe.
Während die Mutter in ihrer Freude weinend und lachend das Kind an ihr hageres Gesicht preßt und in sein erschrecktes Schreien mit überschwenglichen Koseworten hineinredet, wird sie wieder die hilflose und schwergeprüfte Kranke, der Irmgard sich von neuem verbunden fühlt. —
Als sich Frau Pohl — mehrere Wochen später — schon an Stöcken in der Wohnung bewegen kann, öffnet sie eines Abends die Tür zum Zimmer ihrer Tochter, um ihr einen Auftrag zu geben. Sie glaubt erst, daß sie nicht im halbdämmrigen Raume sei. Doch da richtet sich Irmgard erschreckt vom zerwühlten Bett auf und starrt ihr blaß und verweint entgegen.
Es ist, als käme Frau Pohl in diesem Augenblick zum Bewußtsein, daß es noch etwas anderes als ihre Krankheit und die Pflege des Knaben in der Welt gibt. Sie läßt sich zitternd auf einen Stuhl sinken. Einer ihrer Stöcke fällt polternd zur Erde.
Unwillkürlich erwartet sie, daß er ihr von der Tochter heraufgereicht wird. Irmgard ist aber vorher hinausgerannt und hat das Haus verlassen. Ohne Überlegung ergriff sie im Korridor Mantel und Hut. Sie eilt durch den Vorgarten, über den Mühlenplatz und die Föhrbrücke zu den belebten Straßen.
Die Menschen gleiten wie Schatten an ihr vorbei. Sie erkennt ihre Umrisse kaum. Aber sie schämt sich vor ihnen.
Sie verachtet sich selbst, ihre Schwäche und innere Zerrissenheit. Aber sie geht, wie oft in den letzten Tagen, den gleichen Weg. Den falschen Weg zu Joachim Becker, anstatt von ihm fortzustreben.
Der herbstliche, feuchte Wind kühlt ihre brennenden Augen. Die ersten Nebel verdicken am Abend die Luft, die grau und schwer um die Häuser schleicht.
Irmgard steigt in eine Straßenbahn und fährt in die Vorstadt, zu Joachim Beckers Haus. Wie vieles andere über ihren Chef, so hat Schwester Emmi ihr auch seine Wohnung verraten. Und Irmgard Pohl, die in ihrer Zurückhaltung alle kleinlichen Berichte über die Nebenmenschen bisher von sich fernhielt, verstrickte sich immer tiefer. Sie verschlang jeden Klatsch über den Hafendirektor, der von Herrn Gregor über Frau Reiche zu Schwester Emmi gelangte.
Und dann begann sie mit diesen abendlichen Fahrten.