Sie steigt an der Endstation der Bahn aus und geht durch die dunklen, breiten Straßen des Villenviertels. Es ist zur Zeit des Geschäftsschlusses. Die Stille wird in kurzen Abständen von den lichtschießenden Autos zerschnitten, durch deren Luftdruck das verwehte braune Laub nach den Seiten flieht wie Hühner auf der Dorfstraße. Modriger Geruch steigt zuweilen aus den Gärten auf.
Irmgard lehnt gegen rauhes Eisengitter und blickt zu dem Grundstück hinüber: ein niedriges Landhaus ist tief in den Garten hineingebaut und wird von alten Bäumen fast verdeckt.
Sie wartet auf den Wagen. Joachim Becker wird aussteigen. Sie darf, im Dunkel verborgen, die Umrisse seiner Gestalt, seine flinken, elastischen Bewegungen erkennen und dann — unglücklicher als zuvor — in die Trostlosigkeit ihres zerstörten Lebens zurückkehren.
Sie unternahm diesen erniedrigenden Weg zum erstenmal, als sie sich endlich entschlossen hatte, ihren Sohn nicht mehr zu lieben, sondern als Eigentum der Mutter zu betrachten. Frau Pohl sollte nicht mehr darüber schelten, daß sie die Pflege des Knaben der häuslichen Arbeit vorzog, sie sollte ihr nicht mehr mit eifersüchtigen Blicken folgen, wenn sie das Kind in den Armen hielt.
Aber als die Arbeit sie gegen Abend entließ, überfielen sie die alten Erinnerungen noch drängender, lebendiger. In Gedanken ging sie ihm entgegen, stand wie heute vor seinem Haus, um ihm körperlich näher zu sein.
Der herbstliche Sturm, der ihr den Hut fast von den Haaren zieht, erinnert sie wieder an ihre Spaziergänge mit Joachim Becker. Sie waren damals barhäuptig am Abend bis zum alten Kanal gelaufen. Über die feuchten Wiesen, am Wasser entlang, das an die Kaimauern klatschend schwankte. Ganz oben, am Verbindungskanal, standen noch Bäume, die sich im Sturm bogen und rauschten wie Meereswellen.
In dieses Brausen und Feilen des Windes waren sie übermütig hineingestapft. Sie lachten, riefen. Sie freuten sich, daß ihre Stimmen ohne Kraft schienen, sosehr sie sich auch bemühten. Sie wateten mit schleudernden Bewegungen im dickgeschichteten raschelnden Laub und suchten herabgefallene Kastanien. Sie freuten sich an der glatten sattbraunen Frucht im weißen Bett ihrer grüngehäuteten Hülle.
Er warf die Kastanien in hohem Bogen zum Wasser hinüber. Sie stand mit mütterlich mildem Lächeln daneben und freute sich seiner weitausholenden, federnden Schwungkraft.
Einmal hatte sie gesagt: »Es ist unbeschreiblich schön, dich nur in meiner Nähe so gelöst und knabenhaft zu wissen. Wenn ich mir deine strenge und energische Haltung im Bureau oder vor den Arbeitern vorstelle, dann bin ich sehr stolz darüber, daß ich dich so verwandeln kann.«
»Aber ich habe es doch nicht verstanden,« sagt sie sich nun, »denn sonst hätte er mich nicht verlassen können. Oder er müßte leiden wie ich.« Da sie jetzt nichts mehr mit ihm gemeinsam hat, möchte sie durch Qual und Einsamkeit mit ihm verbunden sein.