Sie beginnt zu frösteln. Doch sie bleibt auf ihrem Platz. Während des Wartens verliert sie vollkommen das Bewußtsein davon, wie gedemütigt und erbärmlich sie hier steht. Wenn sie ihn gesehen hatte, zuweilen nur seinen Schatten — einmal trug der Wind den Klang seiner Stimme herüber —, hatte sie sich leer und erniedrigt gefühlt.

Ein schaler Geschmack bleibt von der erregenden Sehnsucht zurück. Sie will umkehren, weil die Automobile immer wieder vorbeifahren, weil sie keine Hoffnung mehr hat, ihn zu sehen. Und bleibt doch, bis endlich das Verhalten eines Motors als vertrautes Geräusch herüberdringt. Sie kann in schräger Linie hinüberblicken und verfolgen, wie Joachim Becker aussteigt.

Er trägt einen Koffer in der Hand — der Chauffeur holt einen größeren und schweren von seinem Sitz herab — und dann beugt Joachim Becker sich noch einmal zum Wagenschlag, und seine Frau steigt aus.

Sie geht langsam, schwerfällig. Ihre kleine Gestalt ist ungefüge, und er stützt sie mit der Behutsamkeit, die man an Kranke und Gebrechliche wendet.

Irmgard Pohl schließt die Augen und lehnt sich fast taumelnd gegen das Gitter. Ihre Nerven sind so überreizt, daß sie lautlos mit verzerrtem Gesicht vor sich hinlacht. Ja, wie konnte sie so vernarrt sein und noch eine innere Gemeinschaft mit ihm suchen, der nun mit einer anderen Frau glücklich ist. Mit dieser Frau, die ihm Kinder schenken wird, die seine und ihre Züge tragen. Er wird diese Kinder lieben, in denen er sich selbst wiederfindet, und er wird eine Episode vergessen, die auf dem Wege zu seinem Aufstieg lag.

Ist sie endlich aus ihrer Verwirrung erwacht? Sie entfernt sich rasch von dieser Straße, mit dem Bewußtsein, sie nie wieder zu betreten.

Sie legt den weiten Weg zu Fuß zurück und kommt müde, zerschlagen zu Haus an. Ihre Augen brennen in den Höhlen und sind wie leer. Sie geht sofort in ihr Zimmer. Und zum erstenmal seit Monaten fällt sie in einen tiefen traumlosen Schlaf. —

Frau Pohl liegt wach in den Kissen und lauscht. Sie ist wieder in ihrem alten Eheschlafzimmer gebettet und legt sich schon am frühen Abend nieder, weil die ungewohnte Bewegung sie noch allzusehr ermüdet. Aber erst, wenn ihr Mann neben ihr liegt, wird sie ruhig und kann schlafen.

Nun lauscht sie seinen gleichmäßigen Atemzügen, sie glaubt, selbst den zarten Hauch aus dem Kinderbett zu vernehmen, und sie könnte einschlafen, weil ihr Haus wohlbestellt ist, denn auch Irmgards Heimkehr war ihr nicht entgangen.

Aber da ist etwas, das sie nicht zur Ruhe kommen läßt. Sie hat nach der stummen Begegnung mit ihrer Tochter angefangen, in ihrem Gedächtnis zu suchen.