Man hat ihr gesagt, daß sie lange krank war und daß Lücken in ihre Erinnerung gerissen sind. Sie kann ausrechnen, daß ihre Krankheit nur wenige Monate währte, denn der Knabe ist nun ein halbes Jahr alt.
Aber ihren verwirrten Gedanken drängen sich Bilder und Geräusche auf, die unendlich lange zurückliegen, während die jüngste Vergangenheit spurlos verwischt ist. Immer wieder dröhnen in ihren Ohren die dunklen Schläge jener Uhr, die ihr Vater zu Hause in unheimlichem Eifer stimmte, damit sie dem reinen Klang der Kirchenglocken gleichen. Er hatte sich in den Wahn verstiegen, daß seine Sünden erst dann von ihm genommen würden, wenn auch der letzte unreine Ton aus der alten Uhr verschwunden wäre. Sie hört sein halblautes Beten und seine Selbstgespräche. Sie geht durch die Zimmer der alten Wohnung, sie spricht mit dem Vater und bittet ihn, endlich aufzuhören, denn keine Glocke könne heller schlagen als seine Uhr. Und kein Mensch könne das länger mit anhören.
Sie sieht seine glänzenden Fanatikeraugen so deutlich und irisierend, als müßte er jetzt in das Zimmer treten und ächzend auf den Stuhl steigen, um wiederum an der Uhr zu drehen und sie schlagen zu lassen. Sie selbst aber ist nicht älter als Irmgard und geht zuweilen in ein dunkles Zimmer, um aus ihrer Einsamkeit heraus zu weinen.
Mächtiger und quälender schlagen die Töne in das Brausen ihrer Ohren. Das Blut schießt brennend in ihren Kopf, und ihre Glieder erstarren unter den dicken Federbetten.
Endlich erträgt sie es nicht länger. Sie weckt ihren Mann. Verstört wacht Michael Pohl auf. Er verdrängt alle Besorgnis aus seinem Blick, während er sich zu ihr hinüberneigt und sie behutsam fragt.
»Willst du Vaters Uhr forttragen, damit sie mich nicht länger quält?« bittet sie ihn.
Michael Pohl weiß nicht, welche Antwort er ihr geben soll, denn die Uhr ist niemals in seinem Hause gewesen.
»Die Uhr ist nicht hier«, sagt er schließlich. »Deine erregten Nerven täuschen sie dir vor. Du bist noch zu anfällig nach der langen Krankheit und wirst dich künftig nicht so überanstrengen.«
»Ja, das sind die fixen Ideen, an denen der Vater zugrunde gegangen ist und die ich dir nun als Erbe ins Haus gebracht habe. Jetzt hat es schon unsere Tochter angesteckt. Sie sitzt im dunklen Zimmer und weint.«
»Irmgard hat einen ganz gewöhnlichen Liebeskummer wie viele junge Mädchen. Sie ist gesund und vernünftig und wird es überwinden. Aber sieh: bei dir ist es anders. Du hast so viel Schweres erlebt, daß es dich wieder überfallen muß, wenn du krank und schwach bist.«