»Ja, ich habe ihn eingesteckt.«
»Dann geben Sie ihn nur her, man wird sich doch so eines armen Junggesellen annehmen müssen.« Sie zieht schon einen schwarzen Faden und eine Nadel aus ihrer Schürzentasche.
»Nein, so etwas! Was sind Sie für ein hilfreiches und praktisches Menschenkind! Haben Sie das immer so zur Hand?«
»Aber gewiß! Bei meinen Kindern auf den Kähnen und bei den vielen Leuten hier im Hafen gibt es stets allerhand zu nähen. So, nun ist der Schaden bald repariert. Und diese kleine Stelle wollen wir auch gleich etwas zusammenziehen. — Wissen Sie, das ist das Herrliche an meiner Arbeit hier, daß ich sie mir suchen darf. Nachdem der Direktor mich damals engagiert hatte, bin ich zu ihm hingefahren und habe ihn gefragt, was ich denn nun zu tun hätte. ›Ja,‹ sagte er, ›das weiß ich doch nicht, das werden Sie finden müssen. Im Hafen sind viele Menschen bei der Arbeit, denen etwas passieren kann. Sie können den Finger quetschen oder krank werden, und wenn einer besonders schlecht aussieht, dann könnte so eine Frau wie Sie ihn vielleicht fragen, was ihm fehlt.‹ Das hat er wirklich gesagt. Und dann meinte er noch: ›Vergessen Sie nicht die Leute auf den Kähnen. Die Schiffer mit ihren Familien sollen sich bei uns wohlfühlen. Sie müssen sich eben immer vor Augen halten, daß Sie die Fürsorgestelle sind.‹ Und dabei betonte er das Wort ›Fürsorge‹ so besonders. Unterwegs, in der Bahn, mußte ich immerfort darüber nachdenken. Schließlich habe ich mir das Wort in zwei Teile zerlegt, und da kam ich dahinter. ›Für Sorge‹ soll ich da sein, für alle Sorgen, um sie zu vertreiben. Und daran will ich mich eben immer halten.«
»Vielleicht hat das Wort aber die Bedeutung von Vorsorge; also vorsorgen, vorbeugen gewissermaßen sollen Sie«, meint Herr Karcher, während er auf ihre flinken Finger sieht.
Sie läßt die Nadel im Stoff stecken und macht ein sehr nachdenkliches Gesicht.
»Nun haben Sie mir alles umgeworfen, und ich kann wieder von neuem anfangen, darüber zu grübeln. Sie mögen auch recht haben. Vorbeugen, sehen Sie, das kann auch in seiner Absicht gewesen sein. Denn wie der Direktor mich draußen einmal traf, sagte er: ›Die Kinder der Schiffer laufen hier zwischen den Bauten herum, es könnte ihnen etwas passieren. Vielleicht haben Sie eine Beschäftigung für sie, Spiele oder Handarbeiten, damit sie auf einem Platz gesammelt sind.‹ Ja, an was er alles denkt. Damit also haben wir dem Unglück vorgebeugt.«
Jetzt reißt sie den Faden ab und ist mit ihrer Arbeit fertig.
»War das auch eine dienstliche Verrichtung?« fragt Herr Karcher lächelnd.
»Da müßte ich erst bei der Direktion anfragen.« Sie lacht schelmisch und steckt das Nähzeug wieder in die Tasche. »Ja, nun will ich gehn.« Sie nickt ihm kameradschaftlich zu und verschwindet hinter der Tür. Das beabsichtigte Telephongespräch wird sie wohl doch bei Frau Reiche führen.