»Der wird schon der rechte schneidige Mann sein«, setzt Herr Gregor seinen Gedankengang fort. »Da der Becker ihn ausgesucht hat, ist er sicher einer von seinem Kaliber: hochmütig, scharf und kurz angebunden.«

Herr Karcher schweigt.

»Aber es mag auch sein,« überlegt Herr Gregor weiter, »daß er das Gegenteil davon ist: ein Duckmäuser. Denn man kann vermuten, daß der Becker nicht einen von seiner Art neben sich duldet, das gäbe ja eine unliebsame Konkurrenz. Und wenn man der Schwiegersohn ist, darf man sich schon einen persönlichen Geschmack leisten.«

»Ja, Herr Gregor,« meint der andere, während er, über den eigenen Mut errötend, auf seinen Federhalter starrt, »Sie sind wie der Kammerdiener, der seinen Herrn in Unterhosen sieht. Sie wollen nicht die Größe an ihm erkennen, weil Sie ihn zu sehr aus der Nähe betrachten.«

Herr Gregor starrt den kleinen Mann verblüfft an. Er begreift den Sinn seiner Worte erst allmählich, sie waren aus diesem Munde gar zu überraschend gekommen. Nun möchte er sich am liebsten in Positur setzen und solche Bemerkungen aufs strengste untersagen, aber er überlegt, daß er jetzt einige Freunde im Hafen sehr nötig gebrauchen wird, da der Feind im Anrücken ist. Denn nur so und nicht anders kann er den Kapitän betrachten.

»Auf jeden Fall,« schließt er seine Erwägungen, ohne der unpassenden Äußerung Beachtung zu schenken, »auf jeden Fall haben wir dann einen Schnüffler mehr.«

Auch Schwester Emmi fürchtet sich ein wenig vor dem neuen Mann. Zuallererst denkt sie daran, wie dann dem armen Herrn Gregor zugesetzt würde, der nun, nach der Rückkehr Joachim Beckers, zwar pünktlicher geworden ist, aber doch jede Kontrolle haßt. Ja, er ist ein freier Mann, ein Herrenmensch, aber man erkennt nicht seine besondere Art an, und darum grollt die kleine Schwester dem Direktor, so sehr sie ihn auch sonst zu schätzen gezwungen ist.

Und wie würde es bei dem neuen Kapitän um ihre eigene Tätigkeit bestellt sein? Ob es dann auch heißen würde: die Arbeit müssen Sie selbst finden? Ach, sie hat soviel gefunden, und bis zum späten Abend ist sie auf den Beinen.

Im Winter hat sie ganz allein dafür gesorgt, daß die Schifferkinder vom Winterlager auch die Schule besuchten und für das im Sommer versäumte Pensum Nachhilfen erhielten. Ihr ist es zu verdanken, daß vom entfernt gelegenen Südbecken, in dem wegen der Sprengungen die meisten Gefahren für die Arbeiter lauern, eine direkte Telephonleitung in ihre kleine Wohnung gelegt wurde, damit sie bei Unfällen sofort gerufen werden kann. Sie ist immer schnell zur Hand gewesen und hat manchem die erste Hilfe geleistet. Selbst auf das Gelände der Verhüttungsgesellschaft, die im kleinen mit der Förderung der Erze begonnen hat, war sie schon geholt worden, und sie ist eher erschienen als der Arzt von der Rettungsstation, der ihren fachmännischen Verband rühmte.

Jetzt hat sie den Bauarbeitern sagen lassen, wer schwächliche Kinder habe, solle es melden, sie werde für eine Unterbringung in den Ferienkolonien sorgen, denn sie hat die Unterstützung der Stadt. Für einige Kinder des Hafenpersonals aber, das immer eine bevorzugte Stellung einnimmt, weil es doch die eigentlichen Angehörigen des Hafens sind, hat sie bei einem Dorfschullehrer in ihrer Heimat einen schönen Ferienaufenthalt gesichert. Joachim Becker setzte ihr einen bestimmten Betrag dafür aus, als sie ihm zaghaft den Vorschlag machte, und sie hat lange gerechnet und überlegt und das Geld gut verteilt. Das Lob des Direktors, der mit seinen kühlen grauen Augen immer kurz in ihr Gesicht blickt, wenn sie von ihren Plänen spricht, ließ sie erröten. Sehr aufgeregt und ängstlich ist sie stets in das Stadtbureau gefahren, wenn sie ein besonderes Anliegen hatte, aber auf dem Heimweg war sie immer von großem Stolz und Glück erfüllt.