Wenn sie sich um Herrn Gregors leibliches und seelisches Wohl ein wenig besorgt zeigt und ihm zuweilen abends noch einige Blumen ins Zimmer trägt, auch wenn er nicht zu Hause ist — und er ist abends oft nicht da —, so erfüllt sie doch menschliche Pflichten an ihrem nächsten Nachbarn, denn sie wohnen im Gebäude der Hafenwirtschaft Tür an Tür. Sie sucht ihn auf diese Weise ans Haus zu fesseln, damit er am nächsten Tage seinen Aufgaben für die Hafengesellschaft um so besser nachkomme, und wenn sie ihn auch einmal begleitet, so geschieht das nur, weil sie ihn vor schlechter Gesellschaft bewahren will. Ist das nicht eine Motivierung, die sich auch vor dem neuen Kapitän sehen lassen kann?
Und daß Frau Reiche, die Kantinenwirtin, die in der ersten Zeit ihre Freundin war, sich nun als Feindin entpuppte, verdankt sie nur ihren Bemühungen, Herrn Gregor dem verderblichen Einfluß zu entziehen! Doch das ist ein Kapitel für sich.
Sie ist nicht im reinen darüber, ob der neue Mann etwas Gutes oder Böses in ihr Leben hineinbringen werde, und weil sie weder mit Herrn Gregor noch mit Frau Reiche, die ihn beide als den Feind betrachten, in Ruhe darüber sprechen kann, und weil auch Herr Karcher nur von Respektsgefühlen erfüllt ist, ohne sich eine eigene Meinung zu erlauben, hat sie das Bedürfnis, zur Mühle hinüberzugehen, um mit Irmgard Pohl zu plaudern oder gar einige Worte von Herrn Pohl selbst zu hören.
Seitdem sie in den Hafen übergesiedelt ist, hat es sie oft zur Mühle hingezogen, und sie ist das verbindende Element zwischen Hafen und Mühle, obgleich Rechtsanwalt Bernhard seinen Prozeß in der ersten Instanz verloren hat und an die Einsicht eines höheren Gerichtshofes appelliert.
Irmgard sitzt auf der Bank vor dem Hause und zeigt dem kleinen Michael die Blumenpracht des Gartens. Sie spricht mit dem Knaben, der eben ein Jahr alt geworden ist, wie mit einem Erwachsenen und bekommt ein lustiges Krähen und Jauchzen zur Antwort.
›Wie langsam entwickelt sich so ein Menschenleben,‹ denkt sie, während sie das Kind im Arm hält, ›und wie schnell wachsen die menschlichen Werke!‹ Sie blickt zum Hafen hinüber: dort hat der Getreidespeicher sein drittes Stockwerk wieder erreicht, im Hafenbecken liegen die Flußschiffe in zwei Reihen, und die Kräne recken vor den Lagerhallen ihre schwarzen Arme in die Höhe.
Das ist etwas Fertiges in sich, etwas Hochgewachsenes und vollkommen Ausgestattetes, an dem nichts mehr zu verbessern scheint, aber ein Mensch ist in der gleichen Zeit nur einige Zentimeter gewachsen, er hat kaum sprechen und gehen gelernt, und wenn er schließlich zweiundzwanzig Jahre alt ist wie Irmgard Pohl, dann glaubt er wieder am Anfang zu stehen und beginnt erst an seiner Inneneinrichtung zu bauen.
Sie wird in ihren Gedankengängen von Schwester Emmi unterbrochen, die den Knaben mit entzückten Lauten begrüßt.
»Nein, wie er wieder gewachsen ist!« ruft sie einmal über das andere, »und was für ein reizender und gesunder Kerl!«
Sie setzt sich auf den schöngepflegten Rasen und nimmt das Kind in ihren Schoß. Während sie mit dem Kleinen spielt, erzählt sie vom erwarteten neuen Mann im Hafen. Dabei lacht sie und neckt den Knaben. So einen lustigen Kameraden hat er nicht alle Tage, und er weiß die Minuten mit genießerischer Freude auszukosten.