»Er wird, mein Lieber, er wird. So etwas vergißt ein Vater nicht. Es sind ehrenhafte, gutsituierte Leute, die Tochter von ausgezeichnetem Charakter, wie man sagt. Aber so etwas kommt in den besten Familien vor.«
»Ich denke an Adelheid Friemann. Wir sind doch zusammen in die Tanzstunde gegangen —«
»Ja, ja,« meint der Justizrat, »aber ich glaube, der Becker spricht.«
Joachim Becker ist bereits bei den Schlußworten. Sein schmales Gesicht ist sehr blaß und sehr belebt. Die Stimme, durchdringend, mit vollem Klang, hat einen Stich ins Kommandohafte.
»Es soll sich nicht darum handeln, die Güter nach Hamburg oder Stettin zu verladen, sondern direkt nach Südamerika oder China. Nicht einen Umschlagshafen wollen wir schaffen, sondern eine Zentrale für den deutschen Weltverkehr, nicht einen Hafen, der dem eigenen Bedarf genügt, sondern einen Stapelplatz für den Transithandel, der einfach nicht mehr auszuschalten ist. Unsere Speicher und Lagerhallen, die in allerkürzester Zeit auf diesem kahlen Boden aufwachsen werden, sollen alle Waren und jede Menge aufnehmen, die überhaupt eingelagert werden können. Unsere Getreidespeicher werden die vollkommensten auf dem Kontinent sein, mit allen technischen Errungenschaften der Neuzeit. Tankanlagen und eigene Tankschiffe stehen bald zur Verfügung. Eilverkehre, die uns dauernd in schnellster Verbindung mit den großen Seehäfen halten, verschaffen uns Unabhängigkeit, größte Leistungskraft. Die Weltmeere stehen uns offen, durch unseren Hafen stellen wir uns auf den großen wirtschaftlichen Kampfplatz der Welt, den wir mit Ausdauer und Mut behaupten werden.«
Direktor Becker verneigt sich unter dem üblichen Beifall, der jeder Rede folgte, und führt nun den symbolischen ersten Spatenstich aus, das heißt, er legt die Hand auf einen Hebel des großen Löffelbaggers, der mit dem ersten Stich gleich zwei Kubikmeter Boden aushebt und in die bereitstehende Kipplori schüttet.
Ja, das ist tüchtige und schnelle Arbeit! Die Gäste sehen staunend und bewundernd zu. Joachim Beckers lange sehnige Gestalt ist über die Grube geneigt. Er läßt den gefüllten Wagen gleich davonrollen, und wie er jetzt aufblickt, direkt in die erwartungsvollen Gesichter der Zuschauer, sind seine grauen Augen strahlend, knabenhaft jung.
Frau Adelheid drückt heftig den Arm ihrer Mutter. Und die Kommerzienrätin, der das Stehen etwas schwer fällt — sie hat denselben ein wenig breiten Unterkörper wie ihre Tochter —, führt das Taschentuch an die Augen.
Der Vertreter einiger ausländischer Zeitungen, der gleich mehrere Länder bedient, schreitet mit Redakteur Undlet das abgesteckte Gelände für das erste Hafenbecken ab und meint mißbilligend: »Ein tüchtiger Mann, aber zuviel Worte. Zu ausholend! Diese Deutschen haben immer gleich das Wort ›Welt‹ und ›Kampf‹ im Munde. Sehr falsch, taktisch sehr falsch. Ich habe es Ihnen von jeher gesagt: keine Diplomaten.«
»Übersehen Sie nicht den Unternehmungsgeist, den verblüffenden, den gefährlichen Unternehmungsgeist! Das ist hier eine Stadt ohne Industrie, mitten im Lande, abseits von den großen Schiffahrtswegen, doch sie wagen es, solche Pläne nicht nur zu entwerfen, sondern auch zu finanzieren. Und was sagen Sie zu den Behörden? Sie öffnen der freien Privatwirtschaft die Wege. Das ist Großzügigkeit, Weitblick, Freiheit! Das ist einfach nicht zu übersehen. Man kann die Augen nicht offen genug halten.«