Ihr Mann muß immer öfter hinter dem Schanktisch stehen und in seiner schwerfälligen Art Selterwasser und Milch verkaufen. Früher hat Frau Reiche in der Küche das beste Essen zustande gebracht und dabei immer noch Zeit gefunden, mit den Gästen ein freundliches Wort zu wechseln.
Jetzt hat nicht nur die Güte des Essens nachgelassen, die Kantinenbesucher finden auch die Bedienung nicht flink und freundlich genug. Der ehemalige Bäckermeister ist kein redseliger Mann, und mit den guten Eigenschaften seiner Frau kann er sich freilich nicht messen. Deswegen ist er auch schon sehr bescheiden geworden.
Seine Frau versteht es, gut einzukaufen und mit den Lieferanten fertig zu werden, sie eignet sich prächtig dafür, solchem großen Betrieb vorzustehen, ohne es jemals geübt zu haben; er aber kann nur das, was er in seinen Jugendjahren gelernt hat: Brot und Semmeln backen. Schon mit dem Kuchen hat es immer etwas gehapert, der war den Leuten nicht fein genug.
So begnügt er sich nun damit, das zu tun, was seine Frau ihm befiehlt, und er hat keinen Funken Ehrgefühl mehr im Leibe, denn sonst würde er sich dagegen sträuben, zur Bewachung der Wirtschaftsräume in einer Kammer hinter der Kantine zu schlafen, während seine Frau das schöne große Schlafzimmer im ersten Stock allein gar nicht ausnutzen kann.
Seitdem die Küchenmädchen in der Hafenwirtschaft mit Frau Reiche nicht mehr zurechtkommen und alle acht Tage wechseln, hat Fräulein Spandau, die neue Sekretärin des Hafendirektors, sich daran gewöhnt, das Mittagessen für den Kapitän selbst abzuholen. Dabei hat sie auch immer noch ein freundliches Wort für den Kantinenwirt, ja manchmal kann sie ein paar Minuten bei ihm stehen, während das Essen eingefüllt wird, und sich dafür interessieren, wie es in einer mustergültigen Bäckerei zugehen muß. Sie ist nicht die Spur eingebildet auf ihren Posten, denn sonst würde sie nicht freiwillig mit einem Tablett in der Hand über den Platz gehen, was einer Sekretärin wirklich nicht zukommt.
Der Kapitän weiß solchen Liebesdienst auch nach Gebühr zu schätzen.
Er spricht den »besten Dank« immer doppelt aus, und obgleich er im Laufe der Monate sich schon daran gewöhnt haben sollte, so steckt immer auch etwas Verlegenheit hinter seinem Ton.
Ja, Fräulein Spandau ist nun schon einige Monate im Hafen. Die Zeit verfliegt so rasch, daß man es selbst kaum merkt. Man geht durch das Tor des Hafens an einem Wächter vorbei und neben dem Gesicht eines anderen Mannes hinter dem Guckloch wieder hinaus, und siehe da: ein Tag ist um. Wenn man jedoch am nächsten Abend einmal um sich schaut, so hat der Turm des Verwaltungsgebäudes plötzlich sein siebentes Stockwerk aufgesetzt, das zweite Hafenbecken ist von fertigen Kaimauern eingefaßt, und der Getreidespeicher — ja, der Getreidespeicher sieht aus, als stände er fix und fertig da.
Aber wer das glaubt, der versteht nichts von einem modernen richtigen Getreidespeicher, der ist ein Laie, eins der verächtlichsten Geschöpfe, die für den Bodenmeister Ulrich existieren. Denn nun sind erst die wahren Künstler an der Arbeit, die Ingenieure, die den ganzen technischen Apparat einbauen.
Dem Bodenmeister Ulrich lacht das Herz im Leibe, wenn er das mit ansieht. Auch mit dem neuen Hafendirektor hat er sich wieder ausgesöhnt, denn er ist inzwischen dahintergekommen, daß der Kapitän nicht nur Moscheen im Kopf hat, er versteht auch sonst etwas von den Angelegenheiten eines Hafens.