So benutzt Schwester Emmi die Abendstunden, um sich Rat und Teilnahme zu holen. Sie ist sehr angeregter Stimmung, denn nun hat Irmgard Pohl ihr endlich versprochen, den ersten Besuch im Hafen zu machen, um sich die kleine Wohnung der Fürsorgeschwester anzusehen.

»Wenn Sie glauben, daß ich gegen fünf Uhr niemand treffen kann,« sagte sie, »so will ich auf eine Viertelstunde kommen.«

Schwester Emmi wird ihr alle ihre hübschen Kleinigkeiten zeigen: den selbstgefertigten Frisiertisch mit Mullvorhängen und Fläschchen und Büchsen, die hübschen Kissen aus Seidenresten, Stickereien und andere Handarbeiten, denn ihre flinken Hände sind zu allem geschickt, sie können niemals ruhen.

Selbst in Herrn Gregors Gesellschaft bleibt sie nicht untätig, denn an seiner Kleidung ist immer etwas zu verbessern. Frau Reiche, die sich gegen Bezahlung für diese Arbeiten verpflichtete, ist längst nicht mehr zuverlässig genug; sie hat es sogar fertig gebracht, ein Paar seidene Strümpfe, die Schwester Emmi ihm zum Geburtstag schenkte, vollständig zu zerschneiden.

Wenn aber die praktische Arbeit geleistet ist, so folgt die viel schwerere Aufgabe: Herrn Gregor zu trösten und zu zerstreuen; er wird immer nervöser von dem schweren und aufreibenden Dienst und kann oft sehr mißgestimmt oder mutlos sein.

Sie sieht es ihm heute sofort an, daß es schlimm um ihn steht, darum zwitschert sie von allen lustigen Dingen, die ihr einfallen; sie macht Witze und lacht selbst darüber. Sobald der schwache Schimmer eines Lächelns über sein blasses leidendes Gesicht huscht, ist sie sehr glücklich. Sie wirft nicht sobald die Flinte ins Korn, und ihre Geduld rührt selbst Herrn Gregor.

Er hat schon gegessen und fragt, ob er bei Schwester Emmi eine Tasse heißen Tee trinken dürfe. Es ist mitten im Winter, und ein mitfühlender Mensch kann wohl verstehen, daß man auf einer Straßenbahnfahrt durchfriert und Verlangen nach einem freundlichen warmen Zimmer hat. Die großen Herren haben ihre bequemen Wagen, die andern aber, denen jede Möglichkeit zum Aufstieg abgeschnitten wird, obgleich sie auch nicht weniger verstehen, sie müssen sehen, wo sie bleiben.

Ach, sie ist durch Herrn Gregors scharfe Augen über die Ungerechtigkeiten in dieser Welt aufgeklärt worden und kann manchmal recht erbittert und unzufrieden sein. Doch sie hütet sich wohl, solche Gefühle zu offenbaren, denn wer erst einmal als sonnige Natur verschrien ist, hat nicht mehr das Recht, sich anders zu zeigen.

So bewirtet sie Herrn Gregor mit heißem Tee und freundlichen Worten. Sie rauchen auch eine Zigarette miteinander, und als endlich eine richtige Unterhaltung in Gang kommt, hat sie sogar ihre Angst vor Frau Reiche vergessen, die angedroht hat, den Kapitän zu holen, wenn die Fürsorgeschwester noch einmal Herrenbesuch in ihrem Zimmer empfängt.

»Es sind nicht nur die Kopfschmerzen, die mich ganz zermürben,« sagt Herr Gregor, »Sorgen mögen auch daran schuld sein.«