Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das „Nein, nein, Gott sei Dank nicht,“ kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im Verhältnis zu [pg 194]dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon von manchem Silberfaden durchzogen war.
„Weißt du, Onkel Heinz,“ rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an, „wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“
Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. –
Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen Arm um ihre Taille.
In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen [pg 195]mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte. „Gernhaben“ und „Liebhaben“ wäre doch ein großer Unterschied, erklärte Ruth.
Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl solche Kröten so etwas!
„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht heiraten könnte,“ drängte Ruth.
„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große Verlegenheit bereiten,“ sagte Ilse.
„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“ fragte Ruth.
„Bewahre.“