„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“
„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen wollte,“ setzte Ilse auseinander.
„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so [pg 196]schlimm,“ sagte Onkel Heinz, „und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“
In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele gelastet hatte, von ihr genommen wurde.
Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.
Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.
Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, worauf sie auch das Jäckchen auszog.
Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an Ilse und Ruth.
„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“ Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an.
Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten [pg 197]Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –