„Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,“ sagte Onkel Heinz, denn die Pastorin war nicht seine beste Freundin.
„Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?“ lachte Leo. Er hatte längst erkannt, daß Ilse nur hören wollte, was Rosi, die ehrwürdige Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen würde. Und so war es auch!
* * *
In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber lag, saß Frau Rosi auf ihrem erhöhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit Strümpfen; einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und eifrig flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein würden. Alles trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft und wies ihn mit den Worten zurück: „Wir sind so lange ohne das fertig geworden, daß wir es jetzt auch entbehren können.“ Wenn es nach ihr ging, hörte alles Streben auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, wie wir sie kennen, machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den Freundinnen wäre.
In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten Plüschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier Plüschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend etwas den individuellen Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der Ausschmückung der Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie eine drückende Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und [pg 19]feinfühlende Seelen würden in diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch für diese Lebewesen noch sorgen zu können. Aber an gestickten und gehäkelten Gegenständen war das Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. Der Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf grünem Grunde, gehäkelte Decken lagen überall, wo es nur irgend möglich war, gestickt war natürlich auch die über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel des Philiströsen aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten für die Pastorin tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten Wert. Sie selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleiße, sie nähte vom Morgen bis zum Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz. Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen mußte, sie sorgte auch für andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die Kranken und brachte ihnen Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie führte das Wort immer im [pg 20]Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem Pflichtgefühle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den Kopf und hatte keinen Blick für die warme Frühlingssonne draußen, die neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte, und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren stumpfes Rot feurig aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür aufgerissen und Fritz stürmte ins Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.
„Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,“ sagte sie ärgerlich; „wie oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!“
Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, legte jetzt seine Mappe und Mütze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.
„Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?“
„Ja, Mutter, alles.“
„Wie viele Fehler hast du im Extemporale?“