„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“ erwiderte Rosi spitz.

Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den Tassen, suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle Lichtschein so plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.

Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes da[pg 27]hinter, als er die eben verbannten Strahlen wieder hereinließ, und rief ärgerlich:

„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben herunterließ, weil mich die dumme Sonne blendete.“

Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und sicherlich würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären.

Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.

Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre Begrüßung war ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin bewahrte stets eine gewisse Steifheit.

„Bitte, nehmt Platz,“ nötigte sie, indem sie auf die Plüschgarnitur wies, die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und farblos war.

„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen Wetter,“ sagte Ilse; „es ist zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen sein.“

„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“ Rosi setzte solchen Aussprüchen von Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.