In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine Notiz genommen hatte.

„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“ sagte sie nervös zu ihm. „Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“

„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“ gab er eilig zur Antwort.

„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“

„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“ sagte Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren Aus[pg 74]einandersetzungen, denn die Probe zur „Jugendliebe“ sollte im Augenblick beginnen.

Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das „Kind“ auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer erzürnten Göttin.

Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der „tauben Tante“ in einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie „muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln.

„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“ rief Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das „Kind“ auf einmal an, die „taube Tante“ sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.

Ob nun der Stumpfsinn der „tauben Tante“ die andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas [pg 75]lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem Sitze unruhig hin und her rückte.

„O, wie soll das werden!“ sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.