Die Liebesszene zwischen „Adelheid“ und „Ferdinand von Bruck“ fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das „Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt.
„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“, [pg 76]er verbesserte sich schnell und sagte: „wir so spielen, blamieren wir uns.“
Die „taube Tante“ zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, wie vorhin das „Kind“, weinend und schluchzend. Nummer zwei an diesem Abend.
Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.
Das „Kind“ war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging.
„Ach, weine doch nicht, Erika,“ redete Mietze Schmidt ihr zu, „wir haben doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser machen.“
„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“ sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung. „Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere Rücksicht.“
„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, [pg 77]wenn ich dran komme,“ meinte Erna Schmidt. „Das kann heute noch gut werden.“
„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“ fuhr Ilse erregt dazwischen; „wenn Sie eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“
„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“ erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet gesprochen hatte. „Und ich spiele doch wahrhaftig nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“