Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie „nicht mitspielen“, „rücksichtslos“ usw., tauchten wie Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder, [pg 78]daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon gelächelt.
Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe geöffnet.
„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“ fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah.
Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.
Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im „ersten Mittagessen“ so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der „Hochzeitsreise“ ließen die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft gelacht.
Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt [pg 80]zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.
Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken.
Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.
Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.
Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.