„O, darling, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“ beruhigte Nellie; „an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der Garderobe!“

Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite auffaßte.

„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige [pg 81]Absagebriefchen,“ sagte Ilse, „und was machen wir dann?“

Leo lachte sie aus.

„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“ sagte er liebevoll und zog sie in seine Arme.

Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen sei. Die Born, „das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte. [pg 82]Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da.

Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen gewesen.

Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen.

Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.

„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“ fragte sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher Rosi danach fragte.