„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“ fuhr sie fort; „mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“
Das „nur gut“ und „wenigstens“ brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte: „Ihr kommt doch auch?“
„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“
Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater.
Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung wieder ein.
Das „Kind“ hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen konnte.
Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der [pg 84]ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen.
Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken nicht mehr übel.
Sogar Fräulein Born hatte sich mit der „tauben Tante“ etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der „schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als das erste Mal.
So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.