Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.
Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.
Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem Gedanken!
In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen. Das „Kind“ saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den Händen und memorierte fortwährend.
„Unsre arme Schwester ist so erregt,“ sagte das älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. „Aber sie braucht doch wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“
„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber [pg 86]Gott, wie oft habe ich schon Theater gespielt,“ fuhr das „Kind“ dazwischen.
Und in der Tat, was das „Können“ betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß selbst die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und daß, wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewußt auftreten sieht, diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, über welche der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.
In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander. Auch hier erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle überhören; besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen müssen. Wenn es nur heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die hübsche Erika. Das blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf über den Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft des Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fräulein Borns [pg 87]Türe verschwunden und würde gleich zu den andern kommen.
Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung würden einem objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken bieten. Da löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, Fragen, Schwatzen ohne Ende!