„Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig sein,“ gebot Nellie, ihnen damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, daß sie in der Kinderstube bleiben sollten.
Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen zuflüsterte, daß sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes holen sollte.
Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem großen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespräche. Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig verändert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt, waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten gebändigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen über ihre reizenden kleinen Ohren, zum Ärger Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, ebensogut wie die Nase, und es verlöre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu sehen wäre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie früher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck ein geradezu sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn „sanft“ und „dumm“ stellte sie in eine Reihe. „Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und werde es auch nie,“ meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie auch recht.
Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie „sanft“ ohne den wenig schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und gesiegt.
An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen wie an Ilse. Der alte Schelm in den Grübchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher, dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprägt, die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.
Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen, und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine würdige Frau Superintendentin geworden war.
Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium Karriere gemacht und konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, sondern immer die lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste Klage fand, nahm er sich auch nicht im mindesten zusammen.
„Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,“ bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles für ihn tun? Kinder, für die sie hätte sorgen können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast täglich, spielte mit den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe an ihr.
In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor bei Gontraus, und meistens forderte Ilse sie [pg 7]beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja erst sehen, ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute nötigte Ilse zum Bleiben.
„Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,“ entschied sie und öffnete weit die Fenster, damit die milde Frühlingsluft hereinströmen konnte. Auf der äußersten Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein Starmätzchen und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden Tönen, ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Dämmerung senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die frühlingslichte Natur, und am Horizonte erschien mattglänzend die silberne Mondsichel.