Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er habe keine Zeit, und zu Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie kannte ihn, er ließ sich gerne zureden.
„Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,“ rief sie ungeduldig, denn sie wußte, daß er schließlich doch bleiben würde.
„Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,“ wiederholte er mit einigem Nachdruck, „das ist auch recht gut.“
„Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Büchern sitzen! Sehen Sie doch nur hier diesen wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die Vögel zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter Bücherkram.“
„Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?“ fragte er, die Worte „alter“ und „Kram“ besonders betonend, während er anfing die Spitze seines dunklen Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens, Ilse kannte es genau.
„Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,“ fuhr er fort.
„Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das nicht gemeint. Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch mal ausruhen.“
„Ich weiß am besten, was ich tun muß,“ erwiderte er nicht gerade freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht einschüchtern, sie kannte seine Art.
In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als Dozent an der Universität niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in B. als Assessor tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast zu ihnen ins Haus. Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam in die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das nämlich nach seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte mit dem Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme ein Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer großen Umständlichkeit geschah, so [pg 9]hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine eingeschlagenen Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt hatten. Trotz aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse mit Rat und Tat zur Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische und spöttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, nannte sie ihn einen „wunderlichen alten Junggesellen“, obgleich er nur wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der Universität her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine rührende Liebe zu den Kindern. „Sie sind meine beste Erholung,“ pflegte er zu sagen. Er ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund. Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafür besaß er aber auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. –
Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred selbst zu holen.