Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich leugnete er immer sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im [pg 108]Zweifel, aber doch neigte sie sich mehr der Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts brauche, als seine Arbeit, seine Bücher.

Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz, das Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen ein, wie es niemand besser verstand.

„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die letzte?“ fragte er in diesem Augenblick.

„Aber, Onkel Heinz,“ rief Ruth entrüstet, „ich bin niemals die letzte gewesen!“

„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas, du bist die Dümmste in der ganzen Klasse ..“

„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“

„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“

„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“

Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau, daß sie sich alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen Kampf einlassen zu können.

Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte ihn tief, tief gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.