„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,“ erwiderte Ilse etwas verlegen.
„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen so etwas natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen haben kann, und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß darüber spotten und lachen.“
Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.
„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn für so falsch?“ fragte Ilse mit trauriger Stimme. „Und dann noch eins,“ fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, „Sie sagten vorhin, mein Mann behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“
„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt Ihnen zuviel Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch – Sie hätten ganz anders erzogen werden müssen.“
„Erzogen, erzogen!“ brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf ein Haar dem Trotzkopf von früher, [pg 113]„Ich bin doch kein Kind mehr, das ‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.“
„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau, dann wollen wir dieses Thema lieber verlassen,“ sagte Onkel Heinz in jenem Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite statt zur Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so dachte und fühlte er oft!
„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“ fragte sie plötzlich, „warum nicht?“
Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. Sie konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie.