Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, die er von sich hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine wahre Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte. War es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu retten, das [pg 115]allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war, sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu verlieren?

Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, jedoch hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es gegen seine Überzeugung ging.

Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute, in diesem Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in solchem Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin, hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?

Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter seinem Blicke beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.

Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe?

Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und das war gut.

Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen gezeigt zu haben, ein ironischer Zug [pg 116]lagerte sich um seinen Mund, als mache er sich über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem wahren Galgenhumor.

Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob.

Laut rief er sie bei Namen.

„Ruth, Marianne, kommt herein!“