„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich gewiß schnell erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald mal wiederkommen?“
Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl, daß sie trotz allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste Freundlichkeit.
So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.
Beim Fortgehen sagte Ilse leise:
„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute Freundschaft halten.“
Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm ihre Worte.
„Auf gute Freundschaft!“ erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.
Der Abschied von den Kindern war ein sehr zärt[pg 118]licher, namentlich von Ruth, die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.
Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen. Worüber er nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab, sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß auf der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen, möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend.
So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem Blicke verbarg.