Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, und brachte seine Abendmahlzeit.
„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie könnten sich sonst erkälten, Herr Professor,“ sagte sie freundlich.
Er erwachte wie aus einem Traume!
„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn – Luft schadet nichts, will mich nicht verpimpeln.“
Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie schloß die Türe und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. –
Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu behandeln als bisher.
Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war nur Schein, dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit, Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr geschenkten Vertrauens würdig war.
Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu sein. –
Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, hielt zum Glück nicht lange an.
Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes mitleidige Wort, das Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu bedauern sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit den Tatsachen abzufinden.