So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich Ilse mehr zusammen, und Worte wie: „alter Junggeselle, Brummbär“ usw., die ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr zu hören.

* * *

Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.

Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai.

Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen.

Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder [pg 121]an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.

So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillings[pg 122]pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit beigestanden hatten.

Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten habe, mitzukommen.

Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut tun.

Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund heraus.