Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht [pg 123]aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben, nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn denken.
Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht [pg 124]wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme.
„O, ich bitte dich,“ flehte sie Ilse an, „rede es Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“
Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.
Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine [pg 125]Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt wurde.
„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich amüsieren,“ sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen.
„Siehst du wohl,“ lachte Ilse.
Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu viel getan hätte.
„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“ sagte Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln, „ich werde auf die beiden Männer achten.“
„O, Sie sind mir der Rechte,“ erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. –