Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße zu.

Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um sie zufrieden zu stellen.

So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.

Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder.

Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen untereinander mit großem Interesse. „Du hast dich aber gar nicht verändert,“ hieß es. „Etwas stärker bist du geworden.“ „Und du siehst viel wohler aus, als früher,“ und ähnliche Redensarten mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger Trennung wiedersieht.

Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes erwarte.

Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in [pg 127]dem eine Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.

Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.

Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu fühlen.

Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.