„Sie kennen mich alle,“ sagte sie stolz, „und ich darf auch wohl sagen, daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“ „Wie geht’s dem Vater?“ fragte sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: „Ich komme in diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“
Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun in den Gutshof ein.
„Vor das Schloß fahren,“ befahl Flora mit komischer Grandezza.
Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte „Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren.
„Es gehörte einem Baron v. H.,“ erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte.
Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben keine Antwort.
„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“ rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.
Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln „Lining“ und „Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.
Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen hätten.
„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“ wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen in Locken verwandeln.