Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.
Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer, einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und den Zwillingen [pg 132]ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise höchst neugierig waren.
Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, – einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?
Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?
Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von Nellie vermuten.
„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“ wandte sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen niedersetzte.
„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“ erwiderte er und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn. „War [pg 133]wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, was?“ wandte er sich an seine Nachbarinnen.
„O ja,“ lachte Ilse, „aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“
„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die Umgegend ist so schön,“ sagte Flora.