„Wo ist denn die Mutter?“ fragte Flora sich umblickend.
„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“ entgegnete die junge Witwe.
„Kommt sie denn bald wieder?“ forschte Flora weiter. „Sie können doch in Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“
„Die Kinder sind ja da.“
„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“ sagte Flora. „Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“
„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“ Unendlich schmerzlich klangen diese Worte.
„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten Abend und recht, recht gute Besserung.“
Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen Elends.
Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“ berichte Flora. „Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“