Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –
Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen, und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.
Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –
Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf dem Platze unter der Kastanie.
„O, die armen Kinder, das süße baby, was wird daraus?“ rief Nellie mit Tränen in den Augen.
„Ja, ja, wir müssen helfen,“ sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er seine Frau: „Wie viel Kinder sind da?“
„Sechs,“ antwortete sie. „Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es ist zu traurig!“
„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“ sagte ihr Mann. „Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s zufrieden.“
„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu wonniges baby!“ rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich, und als sie abends mit Ilse allein [pg 160]in ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre Betrachtungen.