Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse diktierte.

„Nein, so doch nicht, lieber so,“ unterbrach sie sich dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich und pünktlich zu besorgen.

Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.

Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.

„Von Fred,“ sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die Episteln von ihrem Fred studierte.

Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.

Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre Lippen.

„O Ilse, was bist du eine darling, o was bist du gut, was hast du für mir getan!“ rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: [pg 163]daß er nichts dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr stilles Haus bringen würde.

Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm geschrieben hatte.

„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“ fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte.