„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb Ilschen,“ antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie leise fort: „O, wie will ich die kleine baby lieb haben, und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“

„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“ wehrte diese ab. „Was du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder vergelten.“

Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.

Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. –

Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen.

So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen Elend zu entreißen.

Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.

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Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und [pg 165]darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das „Erziehen“ hätte leicht ein „Verziehen“ werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein junges Leben hierher verpflanzt worden war.

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