So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern später und manchem nie.
Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem [pg 166]andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen.
Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen Blicken. –
Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten [pg 167]Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte: „Gottes Hand ruht schwer auf uns.“ Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. –
Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem [pg 168]ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete: „Ganz die Mutter.“ Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte: „Wer ist deine beste Freundin?“ antwortete sie: „Onkel Heinz!“ Von ihm ließ sie sich weit mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter und Freundin zugleich.
So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den ersten Ball führen konnte.
Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen „lumpigen Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen.
Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine Kleinigkeit.
„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“ sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen.
„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch früh genug fertig,“ rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei [pg 170]waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte.