„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“ hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war, „wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen, Marianne?“
„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“ hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder aufgebraust.
„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche Geschmacklosigkeit!“
„Einem jungen Mädchen steht alles,“ hatte Marianne in weisem Tone erwidert.
„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!“
Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle Weise zu [pg 171]trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt werden können.
Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden, wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen. Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon erzählten.
Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.
„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am Flügel. Es ist ja [pg 172]die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“ sagte Ilse, aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.
Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu Blumen im Haar.