Ruth lehnte alles ab.
„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“ rief sie.
In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte. „Von Herrn Jansen,“ sagte sie strahlend und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß.
Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus einführt worden. Er verkehrte in dieser [pg 173]Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner Töchter eingeladen worden.
Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den Händen.
„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“ rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der Zwillinge: „O, wie reizend, himmlisch, süß,“ und Ännchen lief bald hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.
Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt in derselben stehen.
„Alle Wetter, ist das ein Staat!“ rief er endlich laut.
Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. Zwischen den hellen Farben rings um ihn [pg 174]herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.
„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“ – „Wie findest du mein Kleid, steht es mir wohl gut?“