„O,“ sagte sie, „Sie müssen mir nicht für eine Kleinigkeit ein so großer Dank geben. Ich bin es von mein Mann so gewohnt, ich muß für ihn an alles denken und sorgen. O, er ist so leichtsinnig, er sieht nie nach die Thermometer, ob es kalt oder warm draußen ist.“
Doktor Gerber dachte unwillkürlich an den Unterschied zwischen seiner Frau und Nellie. Er schätzte letztere hoch, ihr echt weiblicher Sinn, ihre häuslichen Gaben hatten ihn oft entzückt. Im stillen hatte er gehofft, Flora würde von ihr lernen, aber bald mußte er einsehen, daß auch das beste Beispiel sie nicht ändern konnte. Sein Beruf ließ ihm zum Glück nicht viel Zeit zum Grübeln übrig, aber in den wenigen Erholungsstunden litt er schwer unter dem Druck der Ungemütlichkeit in seinem Heim, und nur wenn er in die unschuldigen Augen seines Kindes sah, fiel es wie ein Lichtstrahl in die öde Leere seiner Brust. Nellie betrachtete voller Mitleid ihren stummen Nachbar, dessen Gedanken sich [pg 165]deutlich in seinen Zügen verrieten. Sie hatte schon oft traurig empfunden, daß dieser Ehe die Weihe des wahren, echten Glückes fehle, und fragte sich dann: liebt ihn Flora nicht und ist sie blind dagegen, daß er leidet? Nein, die wahre Liebe kannte sie nicht, – würde sie sonst stets nur an sich denken und über ihre elende Stümperei Mann und Kind vergessen? Wußte sie nicht, wie schön es ist, den Beruf des liebenden Weibes mit heiliger Pflichttreue zu erfüllen? Nellie war sich desselben tief bewußt, für sie gab es keinen andern Wunsch, als ihren Mann zu beglücken, seine Liebe war ihr das Höchste, Herrlichste auf dieser Welt! Der einzige Fred! In dem liebe- und glückerfüllten Gedanken an ihn wandte sie sich nach ihm um, sie mußte ihn in diesem Augenblick sehen, einen Blick von ihm erhaschen.
„Fred!“ rief sie und nickte ihm innig zu. Er war im lebhaften Gespräch mit Ilse, die ihrer heiteren Laune die Zügel schießen ließ, weil sie froh war, dem Schicksal entronnen zu sein, mit dem ihr so verhaßten Referendar fahren zu müssen. Sie erzählte sich mit ihrem früheren Lehrer lauter Witze und Scherze, und immer von neuem ertönte ihr fröhliches Lachen.
Plötzlich jagte der letzte Schlitten, in welchem Orla mit ihrem Begleiter saß, in sturmesähnlicher Geschwindigkeit an ihnen und den andern vorüber. Orla hatte die Zügel in der Hand, sie saß kerzengerade aufgerichtet. Die scharfe Luft hatte ihre Wangen gerötet, Feuer und Lebenslust blitzten aus ihren Augen. Als ihr Schlitten an Flora vorbeisauste, fuhr diese mit einem Aufschrei zusammen und schloß wie ohnmächtig die Augen. Lüders aber schien die Schwäche seiner Nachbarin nicht zu bemerken, er war nicht im mindesten besorgt um sie, im Gegenteil, mit einem kalten höhnischen Lächeln blickte er sie von der Seite an. Als Flora die Augen wieder aufschlug, sah sie, wie sich Orla umdrehte und ihr mit dem heitersten Gesicht zurief, ob sie sich von [pg 166]ihrem Schrecken erholt habe. Sie hatte die Zügel straff angezogen und ließ die Pferde in langsamem Tempo gehen.
„Hoffentlich habe ich nicht auch Sie erschreckt,“ wandte sie sich an ihren Nachbar, „ich vermute es fast, weil Sie mir die Zügel entreißen wollten. Sie dachten gewiß, die Pferde gingen durch?“
„Natürlich glaubte ich es, und ist mir das zu verdenken, da ich doch keine Ahnung haben konnte, welche kühne Rosselenkerin Sie sind? Wie harmlos sagten Sie zu mir: bitte lassen Sie mich doch einmal die Zügel nehmen, ich möchte auch mal versuchen zu fahren. Offen gesagt, das war recht hinterlistig von Ihnen.“
„Nein,“ lachte sie, „es war nicht hinterlistig von mir, denn ich wußte in der Tat nicht, ob ich das Fahren nicht verlernt hatte; ich habe so lange keinen Zügel in der Hand gehabt. In dem Augenblick aber, als Sie mir dieselben gaben, da kam das Bewußtsein der Sicherheit wieder über mich, die alte Leidenschaft erwachte in mir, ich war wieder daheim in Petersburg, ich saß in unserm Schlitten, es waren unsre Ponys, die ihn zogen, kurz und gut, es war meine lebhafte Einbildungskraft, die mich fortriß und Ihnen diesen Streich spielte. Verzeihen Sie?“
„O, von Verzeihen kann hier keine Rede sein, Sie haben mir ja einen riesigen Spaß bereitet, gnädiges Fräulein. Ich bleibe jetzt bequem in meiner Ecke sitzen und lasse mich von schönen Händen spazieren fahren, denn Sie verstehen es ja weit besser als ich. Sie reiten wohl auch?“
„Und wie gern,“ versetzte sie mit blitzenden Augen.
„An Unerschrockenheit fehlt es Ihnen nicht, dafür habe ich Beweise. Für ihren künftigen Beruf ist das übrigens viel wert, denn es gibt da vieles zu überwinden, selbst für einen Mann.“