„Ja, ja, ich weiß,“ gab sie kurz und halb verlegen zur Antwort.

Wie merkwürdig, es war ihr peinlich, wenn er davon anfing. Es kam ihr vor, als läge ein gewisser Spott in seinen Worten, als umspiele ein mitleidiges Lächeln seine Lippen, wie wenn er dächte, du eine schwache Frau willst dich an eine solche Aufgabe wagen? Schon verschiedene Male hatte er sie heute über ihre Zukunftspläne befragt, die natürlich ihn interessierten, da er selbst Arzt war, sie hatte ihm aber immer ausweichend geantwortet. Mit Althoff und Gerber besprach sie doch eingehend denselben Gegenstand und holte ausführlich ihren Rat ein; warum hatte sie eigentümliche Scheu, mit Andres darüber zu sprechen? Sie wußte sich das selbst nicht zu erklären.

Das für mitleidig gehaltene Lächeln um seinen Mund deutete sie aber falsch. Er lächelte, weil er sich über das junge schöne Menschenkind freute, sowie über ihre klugen durchdachten Antworten, die sie ihm gab, und die so ganz anders lauteten, wie bei den hiesigen Damen seiner Bekanntschaft. Er war überzeugt, daß sie keine oberflächliche Jüngerin der Wissenschaft werden, daß sie leicht und gründlich erfassen und lernen würde. Und dennoch, – er bedauerte sie, denn der jungfräuliche Hauch, der sie trotz ihres männlichen Geistes umgab, würde abgestreift werden. Voll Bewunderung folgte er ihren kraftvollen anmutigen Bewegungen und verglich sie auch hierin wieder im stillen mit den zimperlichen Kleinstädterinnen, welche vor der Zeit schlaff und alt wurden, weil sie ohne Mark und Kraft waren, was ihre schlechte Haltung und der schleppende, aller Spannkraft entbehrende Gang auf den ersten Schritt bewiesen. In Orla vereinten sich jugendliche Kraft mit Anmut, und wie sie so dasaß, wurde er nicht müde sie anzuschauen.

Sie fuhren jetzt dicht am Walde hin, manchmal streiften sie mit dem Kopf einen unter der Schneelast tief gebeugten Zweig, und der kalte, prickelnde Schnee stäubte ihnen ins Gesicht. Die Dämmerung brach schon frühzeitig herein, [pg 168]während der Himmel noch von der untergehenden Sonne in ein zartrosa Violet getaucht war, und matt glänzend stand der Mond am Himmel. Der zauberhafte Anblick der entzückenden Winterlandschaft, das tiefe Schweigen ringsum, nur unterbrochen durch das Schellengeklingel, das aus der Ferne von den andern weit zurückgebliebenen Schlitten wie ein Echo herübertönte, hielt die beiden jungen Menschen wie in einem magischen Bann umfangen. Sie saßen schweigend nebeneinander, als fürchteten sie den Zauber durch Worte zu zerstören. Erst als sie von weitem rote Ziegeldächer schimmern sahen und fernes Hundegebell schon die Ankömmlinge begrüßte, erwachten beide wie aus einem Traum, und Orla wandte sich zu ihrem Nachbar mit den Worten:

„Ich glaube, wir sind am Ziel. Wissen Sie Bescheid, wo sich das bewußte Gasthaus befindet, das uns aufnehmen soll?“

Er bejahte, und schon nach wenigen Minuten hatten sie dasselbe erreicht. Mit einem festen Ruck zog Orla die Zügel an, schnaubend und dampfend standen die Pferde still. Der Wirt eilte dienstfertig herbei, und auch seine wohlbeleibte Ehehälfte begrüßte die jungen Leute unter vielen unterwürfigen Knixen.

„Herr und Frau Pastor würden Herrn und Frau Doktor im Zimmer empfangen,“ sagte sie zu den beiden, die eben ins Haus treten wollten.

„Nein, das ist zu komisch,“ rief Orla laut lachend, war aber rot geworden und konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.

„Wir sind nicht Herr und Frau Doktor, liebe Frau,“ erklärte Andres ebenfalls lachend der Wirtin. „Sie verwechseln uns mit den Herrschaften, die auch gleich kommen werden.“

Die Frau entschuldigte sich vielmals und sagte dann mit einem vielsagenden Blick auf das junge Mädchen: