Schweigend gingen sie die mondhelle Dorfstraße hinunter. Kaum konnte Ilse ihre Aufregung bemeistern, so tobte und kämpfte es in ihrem Innern; ihre Gedanken konnten sich von dem schrecklichen Erlebnis nicht losreißen. Einige Male versuchte sie mit ihrem Begleiter ein gleichgültiges Gespräch anzufangen, aber die Worte wollten nicht über ihre Lippen. Sie beherrschte sich krampfhaft, denn bevor sie das Gasthaus erreichten, wollte sie ganz ruhig sein, damit die andern nichts merken sollen. Sie durften um Gottes willen nicht erfahren, was sie Beschämendes erlebt hatte. Zu welchen Auseinandersetzungen würde es sonst zwischen Doktor Althoff und dem Verhaßten kommen? Nein, nur das nicht, schon der Gedanke allein regte sie auf.

Ilses kühner Sprung aus dem Fenster hatte dem Referendar keinen geringen Schrecken eingejagt.

„Donnerwetter, das tolle Ding!“ hatte er bestürzt und ärgerlich zwischen den Zähnen gemurmelt. Aber seine Geistesgegenwart verließ ihn darum nicht. Schaden konnte Ilse nicht genommen haben, beruhigte er sich, das Fenster war ja nur wenige Fuß über der Erde, und außerdem lag tiefer Schnee. Er beugte sich hinaus und sah sie in großen Sprüngen über die weiße Fläche hineilen. Leise schloß er hierauf das Fenster wieder.

„Temperament hat die Kleine,“ sagte er halblaut vor sich hin mit einem unangenehmen Lächeln. Unbedingt mußte er jetzt in die Gesellschaft zurückkehren, wenn sein Ausbleiben nicht auffallen sollte. Trotz der Ruhe, die er nach diesem amüsanten Abenteuer, wie er es innerlich nannte, empfand, konnte er doch ein gewisses unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken, denn sicher würde Ilse plaudern, – wie fatal! Da galt es vorher überlegen, wie er ihre Anschuldigungen geschickt parieren sollte. Nun, an jesuitischer Spitzfindigkeit [pg 187]fehlte es ihm nicht, er wollte sich schon aus der Angelegenheit ziehen.

Ebenso leise, wie er den Saal betreten, schlich er sich jetzt wieder hinaus und erschien dann vergnügt lächelnd in der Türe, durch welche er vorhin die Gesellschaft verlassen hatte. Er setzte sich zu den andern und nahm dankend das dampfende Glas Punsch entgegen, welches ihm Flora mit verführerischem Lächeln reichte. Er berichtete, daß er alles gut besorgt habe, und daß die Kutscher, die er sehr gemütlich bei Bier und Grog angetroffen habe, jetzt dabei wären anzuspannen.

„Nun müssen wir auch Ilse in ihrer Einsamkeit stören,“ sagte Nellie und war im Begriff, in den Saal zu gehen, als sich die Türe, die nach dem Flur führte, öffnete und Ilse leichenblaß eintrat, gefolgt von Floras Mann, der sich ebenfalls blaß und erschöpft niederließ.

Erschrocken eilte Nellie ihr entgegen.

„Was hast du, darling, ist dich nicht wohl?“ fragte sie leise und blickte verwundert in das starre Gesicht des jungen Mädchens.

„Mir fehlt gar nichts, Nellie, ich bin ganz wohl,“ erwiderte Ilse ruhig und setzte sich neben Orla.

Aus Lüders’ Antlitz war bei Ilses Eintreten doch die Farbe gewichen. Er lächelte krampfhaft und stand wie ein Fuchs auf der Lauer, indem er gespannt auf jedes ihrer Worte horchte. Gott sei Dank, dachte er nach einer Weile erleichtert, sie scheint vernünftig zu sein und schweigt.