Nellie fühlte sich durch die Antwort der Freundin nichts weniger als beruhigt, sondern sah dieselbe besorgt an. Jetzt fiel ihr Blick auf Ilses durchnäßte Kleider, und als sie nach ihrer Hand faßte, bemerkte sie, wie kalt diese war.

„Ilse, du bist ja ganz feucht und kalt, wo bist du gewesen?“ fragte sie ängstlich.

„Gewiß hast du draußen im Mondenschein vom Herzallerliebsten geschwärmt,“ sagte Flora neckend, „gestehe es nur, Ilse.“

„Du hast ganz recht, Flora,“ gab sie zur Antwort, „ich sehnte mich nach frischer Luft und bin eine Strecke in das Dorf gegangen, wo ich deinen Mann traf.“

Sie wunderte sich selbst über die Ruhe, mit welcher sie diese Worte sprechen und auch die Fragen und Neckereien der andern ertragen konnte. Als aber der Referendar versuchte, mit ihr zu scherzen, traf ihn ein so verächtlicher, drohender Blick aus ihren Augen, daß er verlegen fortsah und schwieg.

Abgespannt und teilnahmlos saß Doktor Gerber da; auf die Frage, ob ihm etwas fehle, gab er zur Antwort, daß er sich ganz wohl fühle und nur etwas müde wäre. Sogar seiner Frau, welche sich umgezogen hatte und jetzt zurückkam, fiel seine Blässe und Mattigkeit auf; sie fragte ihn besorgt, ob es mit seinem Befinden schlimmer geworden sei. Seine verneinende Antwort beruhigte sie indessen schon wieder, und sie meinte, sein schlechtes Aussehen rühre gewiß nur von dem Aufenthalt in der dumpfen Krankenstube her. Man war allgemein froh, als die Schlitten angespannt vor der Tür standen, denn wie ein Alp lag es auf der vorher so lustigen Gesellschaft, seitdem Ilse und Gerber so bleich und still unter ihnen saßen und sichtbar ungeduldig auf den Aufbruch warteten. Ilse war die erste, welche aufsprang, als gemeldet wurde, daß alles zu der Abfahrt bereit sei.

Während die andern sich von Pastors verabschiedeten und die wärmenden Hüllen umlegten, war Ilse zu Nellie getreten und fragte sie leise, ob sie mit ihr zusammen fahren dürfe.

„Ich muß dich sprechen,“ flüsterte sie hastig, „dringend muß ich dich sprechen.“

„Darling, wie kommst du mich vor diesen Abend, so zerstört, was hast du?“

„Nachher erzähle ich dir alles, jetzt frage mich nicht,“ gab Ilse zur Antwort.