Mit Entsetzen vernahm Nellie unterwegs, was der Freundin begegnet war. Glücklicherweise war der Kutscher, der die beiden fuhr, etwas schwerhörig und hatte sich obenein den Pelzkragen ganz über die Ohren gezogen, so daß er nicht verstehen konnte, was die Damen sprachen. Er hätte sonst eine spannende Geschichte zu hören bekommen, denn Ilse sprach in ihrer Aufregung so laut, daß Nellie sie öfter ermahnte, vorsichtiger zu sein. Das Blut stockte ihr fast in den Adern bei Ilses Erzählung, und sie unterbrach diese oft mit dem ihr eigenen Ausruf ‚o, o‘!

„Du armes, armes Kind,“ sagte sie, als Ilse zu Ende war, „was hast du durchgemacht, schrecklich! Das infame Mann, – was wird Fred sagen, wenn ich ihm das erzähle? Es bleibt ihm weiter nichts übrig, als ihm ein Ohrfeig zu geben auf der Straße, wenn alle Leute es sehen.“

„Um Gottes willen,“ fuhr Ilse auf, „so etwas darf dein Mann nicht tun, es würde einen öffentlichen Skandal geben, die Stadt würde davon sprechen, – bitte, bitte nicht Nellie! Aber Flora werde ich sagen, daß ich ihr Haus nicht wieder betrete, wenn ich diesen Menschen noch einmal bei ihr treffe. Oder – nein, es ist besser, auch sie erfährt nichts von dieser Geschichte. Sie setzt sich sonst womöglich hin, dichtet eine Schauer-Ballade und liest sie dem Menschen noch obenein vor. Aber warnen will ich sie, warnen vor diesem Teufel!“

Die dunklen Augen in dem bleichen Gesicht funkelten und spiegelten einen leidenschaftlichen Haß wieder, der dem jungen Antlitz etwas Düsteres verlieh. Schweigend blickte sie in die sternenklare Winternacht, ohne zu bemerken, daß [pg 190]Nellie sich noch warmer einhüllte und ihre Füße fester in die Decke wickelte.

Die beiden sprachen wenig während der übrigen Fahrt, und auch aus den andern Schlitten tönte kein fröhliches Lachen, wie bei der Hinfahrt. Lüders, der wieder neben Flora saß, meinte, es wäre zu kalt zum Sprechen und zog seinen Rockkragen in die Höhe, so daß sein Gesicht fast ganz verschwand. Flora vergaß seine Schweigsamkeit, denn der Mondesglanz, die Sterne, die klare Winternacht gaben ihr unzählige poetische Gedanken ein, die sie am andern Tage auf das Papier bringen wollte.

Althoff bekam von seinem Nachbar, Doktor Gerber, auch nur kurze Antworten, man merkte, daß ihm das Sprechen schwer wurde. Nur in dem Schlitten, in welchem Andres und Orla saßen, schien die schönste Harmonie zu walten. Orla hielt wieder die Zügel in ihren Händen, denn der Kutscher hatte zu tief in das Glas gesehen und war in eine Art Halbschlummer verfallen, aus welchem ihn Andres von Zeit zu Zeit aufschreckte, damit der müde hin und her Taumelnde nicht unversehens vom Sitze fiele und ihnen verloren ginge.

Scherzend hatte er zu dem jungen Mädchen gesagt, daß es eigentlich nicht in der Ordnung wäre, sich von einer Dame nach Hause fahren zu lassen, worauf sie lachend erwiderte, daß sie nach der Meinung ihrer Freundin Rosi gar nicht mehr unter die Frauen gehöre und er sich deshalb getrost ihre Leitung gefallen lassen möge. Den beiden verging unter lebhaftem Geplauder die Zeit so schnell, daß sie ganz erstaunt waren, schon in die heimatlichen Straßen einzufahren und bald darauf vor der Althoffschen Wohnung zu halten. –

Als sich die beiden jungen Mädchen zur Ruhe begaben, fielen Ilse die seltsam glänzenden Augen der Freundin auf und ein heimliches Lächeln um ihren Mund, das ihr [pg 191]Antlitz wunderbar verklärte. Sie gab auch einige Male zerstreute Antworten auf Ilses Fragen, ganz gegen ihre sonstige Art.

„Gute Nacht, Ilse,“ sagte sie schon im Bette liegend und bemerkte erst jetzt, daß diese noch nicht angefangen hatte sich auszuziehen.

„Willst du noch nicht zu Bette gehen?“ fragte sie.