„Nein, Orla, ich bleibe noch etwas auf, ich bin noch nicht müde.“
Sie wartete noch eine Weile bis Orla fest eingeschlafen war, und holte dann ihre Schreibmappe hervor. Hierauf stellte sie die Lampe auf den Tisch am Fenster, an welchem Orla oft bis tief in die Nacht arbeitete, nahm einen Briefbogen, tauchte die Feder langsam in das Tintenfaß und schrieb nach langem Besinnen die Worte: ‚Lieber Leo!‘ auf das Papier, dann stützte sie wieder den Kopf in die Hand und starrte gedankenvoll auf das weiße Blatt vor ihr. Wie schwer wurde ihr der Anfang, und doch war [pg 192]das Herz ihr zum Zerspringen voll. Es lastete wie ein Verbrechen auf ihr, sie kam sich erniedrigt und nach dem heutigen Erlebnis wie treulos gegen ihren Bräutigam vor, weil sie das schändliche Bekenntnis des ihr fremden Mannes mit angehört hatte. Welche Worte hat er zu ihr gesprochen, – noch tönten sie in ihren Ohren fort –, wie konnte er das wagen, wie durfte er ihr so etwas bieten und sie unglücklich nennen! –
Und doch, konnte sie das alles so wunderbar finden, hatte sie den Leuten nicht genügend Veranlassung gegeben, sie für eine unglückliche Braut zu halten? Ihr ‚gesenkter Blick‘, ihr ‚Erröten‘, wie der Abscheuliche gesagt, und dann die Szene mit Andres, die er, – jetzt wußte sie es, – belauscht hatte, alles dieses waren für ihn Beweise gewesen, daß sie nicht glücklich sei. Und hatte er denn unrecht? Hatte sie sich nicht selbst für unglücklich gehalten, für tief unglücklich? Warum empörte sich denn ihr Inneres darüber, daß ein anderer ihre geheimsten Gedanken erraten hatte, war sie denn vielleicht nicht mehr unglücklich?
Nein, tausendmal nein, rief es in ihr! Seit sie draußen in der kalten Winternacht die brennendste Sehnsucht nach ihm, nach seinem Schutz empfunden, fühlte sie, daß sie allein an diesem Unglück die Schuld trug, daß es in ihrer Hand lag, ihn und sich wieder glücklich zu machen. Und sie hatte sich vorgenommen, ihn noch heute abend zu bitten: vergiß, was ich dir getan, – und ihm alles erzählen, was sie hatte erleben müssen, dann würde ihr leichter, sie würde dann ruhiger werden. Unterwegs hatte sie sich den Inhalt des Briefes im Geiste überlegt und immer wiederholt, aber jetzt, da sie ihre Gedanken in Worte kleiden und diese niederschreiben sollte, konnte sie nicht damit fertig werden.
Endlich nach langem Zaudern überwand sie den schwierigen Anfang und schrieb fließend weiter, ohne nur einmal innezuhalten. Sie hörte nicht auf, bis sie einen heftigen [pg 193]Schüttelfrost bekam und nun erst daran dachte, daß sie die feuchten Kleider und Schuhe noch nicht ausgezogen hatte. Sie verschloß nun die Mappe mit dem Briefe in ihrem Koffer und begab sich zur Ruhe. Aber auch im warmen Bett noch überlief sie ein Frösteln, Hände und Füße waren eiskalt, und nur ihr Kopf brannte wie Feuer; sie legte ihre Hand auf Stirn und Wangen, was ihr wohl tat. Den brennenden Durst, der sie quälte, konnte sie kaum löschen, immer von neuem schenkte sie sich Wasser ein und trank das Glas auf einen Zug leer. Endlich, nachdem sie lange wachend gelegen, nahm sie der erlösende Schlaf in seine Arme, und sie wachte erst auf, als Orla bereits fertig angezogen vor ihrem Bette stand.
„Guten Morgen, du Langschläferin!“ rief sie ihr entgegen. „Endlich ausgeschlafen? Aber Kind, was hast du in dieser Nacht für einen Spektakel gemacht, du hast fortwährend geredet, bald fuhrst du in die Höhe, und warfst dich dann wieder hin, nicht fünf Minuten lang hast du ruhig gelegen. Ich war einige Male an deinem Bett und wollte dich wecken, aber du schliefst so fest. Übrigens hattest du entschieden Fieber, dein Puls ging schnell und die Haut war heiß und trocken. Gib mir mal deine Hand, wie sie sich heute morgen anfühlt? – Immer noch fiebrig, dein Puls schlägt nicht normal.“
„Die künftige Doktorin,“ neckte Ilse.
„Na, um das zu erkennen, braucht man kein Arzt zu sein. Ich an deiner Stelle bliebe im Bett liegen, du siehst so elend und angegriffen aus, – hast du auch Schmerzen?“
„Ich habe Kopfweh, Orla. Aber bitte, gehe du nur zum Kaffeetrinken und entschuldige mich, wenn ich heute erst spät erscheine.“