Daß sie auch heftige Schmerzen im Hals hatte, verschwieg sie.

„Also du willst wirklich aufstehen?“ fragte Orla.

„Natürlich, so schlimm ist es ja gar nicht.“

Aber sie war doch matter, als sie dachte, das empfand sie erst, als sie das Bett verlassen wollte. Erschöpft sank sie einige Male wieder zurück, sie fühlte Schwindel, der Kopf war ihr schwer und die Schmerzen im Halse quälten sie. Sie zog sich nur ihren Morgenrock über und ging dann in das Eßzimmer. Doktor Althoff war schon fortgegangen, Nellie und Orla saßen noch am Kaffeetisch. Die junge Frau erschrak über Ilses Aussehen.

„O darling, wie schaust du aus, so weiß wie diese Tischtuch und ganz blau unter der Auge, du mußt dir sehr krank fühlen.“

Lächelnd versuchte Ilse die Besorgnis der Freundin abzuwehren, aber sie konnte dieselbe nicht täuschen. Nellie wollte durchaus, daß sie sich wieder zu Bette legen solle, wozu sie sich indessen nicht bewegen ließ. Als aber Nellie den bequemen Diwan aus ihres Mannes Zimmer in das ihrige bringen ließ, da bedurfte es keines langen Nötigens, daß sich Ilse darauf legte, da sie sich immer schlechter fühlte. Sie ließ es auch geschehen, daß Nellie eine wollene Decke über ihre Füße breitete, und fügte sich bald ganz ihren Anordnungen, trank kühle Limonade und legte ihren Kopf auf das weiche Kissen, das ihr Orla brachte. Es war ihr jetzt ganz recht, daß sie still liegen konnte, denn sie hatte nur das eine Bedürfnis nach unbedingter Ruhe. Ja, sie sträubte sich sogar nicht dagegen, als Nellie ihr Mädchen nach Doktor Gerber schickte, weil sie selbst fürchtete, ernstlich krank zu werden.

Müde schloß sie die Augen, und der gestrige Tag zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Was hatte sie gelitten, welche Qualen ausgestanden, als sie die leidenschaftlichen Augen des Referendars dicht vor den ihrigen sah, seinen heißen Atem fühlte und festgebannt wie [pg 195]eine Gefangene ihm nicht entrinnen konnte. Sie dachte sich in der Braut des Verhaßten ein stilles, sanftes Mädchen, das mit zuversichtlicher Liebe und in vollem Vertrauen zu ihm aufblickte. Wenn sie wüßte, wie sie hintergangen, auf die erbärmlichste, niedrigste Weise getäuscht wurde! Sie hätte nicht gedacht, daß ein Mensch so schlecht sein könnte, denn das Leben hatte ihr bis jetzt nur seine lichten Seiten gezeigt; die dunklen hatte sie noch nicht kennen gelernt, sie wußte noch so viel wie nichts von Schlechtigkeit und gemeiner Gesinnung. Treu sorgende Eltern hatten von ihr alles fernzuhalten gewußt, was ihr kindlich reines Gemüt hätte trüben können.

Wie umstrahlt von hellem Licht erschien ihr jetzt Leo, zum ersten Male kamen ihr seine guten und edlen Eigenschaften so recht zum Bewußtsein. Ob er wohl je so von ihr sprechen würde, wie dieser Lüders über seine Braut sprach? Nein, nie, das wußte sie. Kein bitteres Wort über sie würde aus seinem Munde kommen, trotzdem sie im Zorn und Groll von ihm geschieden war. Wann sehe ich ihn wohl wieder? dachte sie, und die bange Sorge um ihn erweckte ihr die Vorstellung, daß er krank sein könnte, ja vielleicht sterben müßte, ohne daß sie ihn jemals wiedergesehen und erfahren hätte, ob er ihr noch gezürnt habe. Ihre krankhafte Phantasie malte dieses Ereignis in den grellsten Farben aus, es entlockte ihr heiße Tränen, Tropfen auf Tropfen stahl sich durch ihre geschlossenen Augenlider und fiel auf ihre Wangen herab. –

Im Nebenzimmer wurden jetzt Schritte hörbar und sie hörte Nellie sagen:

„Bitte, Herr Doktor, treten Sie hier herein.“