Schnell fuhr Ilse in die Höhe und wischte sich mit dem Tuch über ihre Augen. Orla, die am Fenster saß, sah von ihrem Buche auf, als sich jetzt die Tür öffnete. Als aber statt des erwarteten Doktor Gerber sein junger [pg 196]Assistenzarzt erschien, entglitt das Buch ihren Händen und sie bückte sich schnell, um es aufzuheben. Wieder konnte sie eine Verlegenheit nicht verbergen, als er jetzt vor ihr stand und ihr die Hand reichte. Sie war ärgerlich auf sich selbst, und als er sie freundlich fragte, wie ihr die Schlittenpartie bekommen sei, gab sie ihm nur eine kurze Antwort und lenkte dann schnell die Aufmerksamkeit von sich auf Ilse ab.

„Hier sehen Sie nur, Herr Doktor, unsre arme Ilse, welche Folgen die Schlittenpartie für sie gehabt hat; da liegt sie nun, ein Bild des Jammers und der Leiden. Übrigens,“ sie hatte jetzt ihre volle Fassung wiedergewonnen, „wie kommt es, daß Sie uns besuchen, da doch nach Doktor Gerber geschickt worden war?“

„O ja, Orla, höre nur,“ fiel Nellie ein, „lauter Patienten! Das arme Mann liegt krank im Bette und hat der ganze Nacht phantasiert. Als unsre Botschaft kam, war gerade Herr Doktor Andres bei ihm und kam gleich hierher, arm Ilschen zu kurieren.“

„Er ist doch nicht gefährlich erkrankt?“ fragte Orla, als sie bemerkte, daß sein Gesicht bei Nellies Bericht merkwürdig ernst geworden war.

„Ich fürchte fast; noch läßt sich keine bestimmte Diagnose stellen, aber alle Anzeichen sind vorhanden, daß eine Lungenentzündung im Anzuge ist.“

Er hatte Ilses Handgelenk umfaßt, zog die Uhr heraus und zählte die Pulsschläge. Dann untersuchte er ihren Hals und erklärte, daß eine leichte Halsentzündung vorhanden wäre. Sie sollte sich einige Tage schonen und würde dann bald wieder gesund sein. Er traf noch einige Anordnungen, verschrieb ihr was zum Gurgeln und sagte scherzend zu Orla, daß sie jetzt sein Assistent sein und ihm morgen genauen Bericht über seine Patientin erstatten möge.

Jeden Tag erschien Andres pünktlich zu derselben Stunde, und stets fand sich auch Orla ein, wenn er kam. [pg 197]Ilse mußte noch immer auf dem Sofa liegen, obgleich sie behauptete, sich wieder ganz wohl zu fühlen. Aber da es der Doktor so anordnete, wagte sie nicht, sich zu widersetzen, und ließ es sich schließlich ganz gern gefallen, daß sie auf das liebevollste gepflegt und verhätschelt wurde. Einige Male hatte sie Orla dabei ertappt, daß sie zu der Zeit, wenn Andres zu kommen pflegte, erwartungsvoll durchs Fenster blickte. Sie teilte ihre Beobachtungen Nellie mit und auch diese hatte schon bemerkt, daß der junge Mann Orla nicht gleichgültig geblieben war, und daß auch seine Augen strahlten, wenn er mit der Russin sprach. Und als Ilse wieder gesund war und seine ärztlichen Besuche aufhörten, da war er ein Freund des Hauses geworden, ein häufiger, gern gesehener Gast bei Althoffs.

* * *

Leider ging es Floras Mann nicht so gut, wie Ilse, sein Zustand hatte sich von Tag zu Tag verschlimmert, er war schwer an einer Lungenentzündung erkrankt. Andres hatte noch einen zweiten Arzt hinzugezogen und beide blickten mit großer Besorgnis in die nächste Zukunft. Die Freundinnen standen Flora in dieser schweren Zeit treu zur Seite, täglich kam eine, um zu helfen und zu raten; denn Flora war in der Krankenpflege ganz unerfahren und ungeschickt. Sie hatte im Anfang die Krankheit ihres Mannes mit großer Sorglosigkeit angesehen; als aber das hohe Fieber nicht weichen wollte, die Kräfte ersichtlich abnahmen und sie die besorgten Gesichter der beiden Ärzte sah, da fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen, und eines Tages war sie Nellie weinend um den Hals gefallen und hatte ihrem geängstigten Herzen Luft gemacht. Nellie hatte sie auf das liebevollste getröstet und ihr Mut eingesprochen. Als sie dann aber den einst so kräftigen Mann abgemagert und teilnahmlos in den Kissen liegen sah, da vermochte sie [pg 198]selbst die Tränen nicht zurückzuhalten, und auch nachher konnte ihr Gatte sie kaum beruhigen, als sie nach Hause kam und ihm erzählte, wie Gerber verändert und kaum wieder zu erkennen sei.

Wieder vergingen Tage, ohne die so heiß ersehnte Besserung zu bringen, und Flora, welche jeden Halt verloren hatte, weinte nur und klagte, selbst im Krankenzimmer konnte sie sich nicht beherrschen. Nellie hatte sich erboten, Käthchen mitzunehmen, da sie es nicht mehr mit anzusehen vermochte, wie das Kind am Bett seines Vaters kauerte, die großen Augen angstvoll auf sein eingefallenes Gesicht gerichtet, und leise seine Hände streichelte.