„Laß das Kind mit mich gehen,“ hatte Nellie gebeten, „es ist hier keine Ort für ihr.“ Und auch Andres, der zugegen war, meinte, es wäre besser für die Kleine, wenn sie in andre Umgebung käme, der fortwährende Aufenthalt in der Krankenstube könne ihr nur schaden.
Flora nahm Nellies Anerbieten gern an, und die junge Frau war sofort daran gegangen, Käthchens Sachen zusammenzupacken und alles Nötige zu besorgen. Aber so leicht, wie sie dachte, ließ sich das Kind nicht mitnehmen; es sträubte sich und wollte durchaus bei seinem lieben Papa bleiben. Nach unendlicher Mühe und vielen Liebkosungen Nellies gelang es ihr schließlich, Käthchen gegen das Versprechen, daß sie ihren Papa bald wiedersehen würde, und auf die Versicherung hin, daß dieser selbst wünschte, sie möge ein artiges Kind sein, zum Mitgehen zu bewegen. Alles war zum Empfang der Kleinen auf das reizendste vorgerichtet. Nellie hatte hübsche Spielsachen eingekauft, und die beiden jungen Mädchen versuchten, mit ihr zu spielen und zu scherzen. Es glückte ihnen aber nicht, ein Lächeln auf dem ernsten Kindergesicht hervorzurufen. Die Spielsachen blieben unberührt, und Käthchen fragte nur immer, ob ihr lieber Papa bald wieder gesund würde. Die [pg 199]weichherzige Ilse mußte sich abwenden, um ihre Rührung zu verbergen, sie konnte den traurig fragenden Blick in Käthchens Augen nicht ertragen. Als Nellie sie am Abend in das Bettchen brachte, das sie dicht neben das ihrige gestellt hatte, und die Kleine mit gefalteten Händen ihr Abendgebet hersagte, das mit der rührenden Bitte schloß: „Lieber Gott, mache meinen Papa recht bald wieder gesund,“ da ahnte das unschuldige Kindergemüt nicht, daß bereits der Todesengel unheilschwer über dem Haupte des Vaters schwebte.
„Nicht wahr, liebe Tante, der liebe Gott hat mich gehört?“ fragte sie Nellie, und als diese unter Tränen lächelnd nickte, legte sie das Köpfchen voll Vertrauen in die Kissen. Nellie blieb so lange am Bettchen sitzen, bis Käthchen fest eingeschlafen war. Die blassen Bäckchen hatten sich zart [pg 200]gerötet, und der kleine Mund lächelte im Schlafe. Fast andächtig blickte die junge Frau auf das schlummernde Kind, – konnte es etwas Süßeres, etwas Lieblicheres geben? Sie streichelte die kleinen Hände und lauschte den ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Wie eine Mutter strich sie mit der Hand über die Kissen, daß auch kein Fältchen den Schlummer des kleinen Geschöpfchens stören sollte. Dann erhob sie sich, drückte einen leisen Kuß auf die reine Kinderstirn und schlich sich aus dem Zimmer.
„O, es liegt wie eine Engel, das kleine Mädchen,“ sagte sie zu Orla und Ilse.
Spät am Abend kam Doktor Andres, bleich, mit verstörter Miene. Es hatte ihn gedrängt, den Freunden noch mitzuteilen, daß man sich auf das Schlimmste gefaßt machen müßte. Das Fieber blieb trotz aller angewandten Mittel auf gleicher Höhe und die Kräfte verfielen zusehends. Alle waren über diese Botschaft tötlich erschrocken, und Nellie zeigte sich sofort bereit, zu Flora zu eilen.
„O nein, ich darf ihr nicht verlassen!“ rief sie, als man sie zurückhalten wollte. „O, Fred, laß mich! Ich rege mir viel mehr auf, wenn ich hier bleibe, während meine Gedanken doch bei ihr sind.“
„Dann gehe ich mit dir,“ entschied Althoff, der es schließlich auch ganz natürlich fand, daß seine Frau Flora in den schweren Stunden, vielleicht den schwersten ihres Lebens, nicht verlassen wollte. Der junge Arzt verabschiedete sich, er mußte wieder zu dem Kranken eilen. Orlas Hand behielt er länger als gewöhnlich in der seinen, und sein tiefer, ernster Blick ruhte mit Innigkeit auf ihrem Antlitz.
„Auf Wiedersehen!“ sagte er leise und ging fort.
Ilse hatte Nellies Sachen hereingeholt und half der Freundin mit zitternden Händen beim Anziehen. Wie ein Alp lastete es auf allen, und nur das Nötigste wurde gesprochen.