Das junge Ehepaar war fortgegangen, und es herrschte jetzt eine fast unheimliche Stille in dem Zimmer, in welchem sonst heiteres Lachen und Plaudern ertönte. Orla saß am Tisch, tief über ein Buch gebeugt. Ilse lehnte in der Sofaecke, die gefalteten Hände lagen in ihrem Schoß. Sie fürchtete sich grenzenlos, aber sie wagte nicht, Orla dies einzugestehen. Die kleine niedrige Lampe mit dem breiten Schirm beleuchtete hell den runden Tisch. Aber die übrigen Gegenstände im Zimmer außerhalb dieses Lichtkreises verschwanden in einem matten Halbdunkel. Nichts störte die nächtliche Ruhe, als das gleichmäßige Ticken der Uhr. Orla saß unbeweglich, scheinbar in ihre Lektüre vertieft, kaum daß sie mit der Wimper zuckte. Aber ihre Gedanken weilten heute nicht bei dem Inhalt des Buches, den sie mechanisch ablas. Sie hafteten an einer hohen, schönen Gestalt, von der sie sich nicht losreißen konnte, deren Bild sie im Wachen nicht verließ und bis in ihre Träume verfolgte. Mit doppeltem Eifer, als wollte sie es gewaltsam zurückdrängen, hatte sie gelesen und studiert. Sie war fast unzugänglich und sehr schweigsam gewesen, hatte immer hinter ihren Büchern gesessen, so daß ihr Lehrer, so sehr er sich über ihre Fortschritte freute, sie doch ernstlich ermahnte, ihre Kräfte zu schonen.
Nur wenn Andres kam, dann sprudelte sie über von Geist und Witz. Er erkundigte sich nach ihren Studien, sie fragte nach den Erlebnissen in seiner Praxis. Beide schienen dann nur für einander da zu sein, sie vergaßen völlig ihre Umgebung, und die sonst so kluge, überlegene Orla dachte nicht daran, daß die Freunde merken mußten, was sie als tiefstes Geheimnis in ihrem Herzen verschlossen zu halten glaubte.
Kleine harmlose Neckereien ließ sie sich lächelnd gefallen, aber jede ernste Anspielung wies sie entschieden zurück. Sie meinte, wenn zwei Menschen zusammen übereinstimmten und [pg 202]gemeinsame Interessen hatten, müßten sie nach der Ansicht der anderen natürlich gleich ineinander verliebt sein. Sie wäre überhaupt keine Natur zum Lieben geschaffen.
Nellie und Ilse als Erfahrenere in dieser Beziehung lächelten sich bei diesen Worten überlegen an und schwiegen.
Orla glaubte sich wirklich gefeit gegen die Liebe. Die kleinen Tändeleien und Liebschaften, welche andern so viel Freude und auch wohl kindliche Schmerzen bereiten, waren ihr fremd geblieben. Außer Doktor Althoff, für den in der Pension alle Mädchen schwärmten, hatte sie nie eine sogenannte „Flamme“, wie es die andern nannten, gehabt. „Kalt wie eine Hundeschnauze“, diesen sehr drastischen Vergleich hatte Annemie einmal gebraucht, worüber die ästhetische Flora ganz entsetzt gewesen war.
An die Ärmste dachte Orla jetzt voller Mitleid! Die Lust zum Dichten würde ihr wohl jetzt, da ihr das Leben zum ersten Male seine ernsten Seiten zeigte, vergehen. Wie es wohl um diese Zeit bei Gerbers aussah? Orla sah Andres im Geist neben dem Bette des Kranken sitzen, ruhig und sicher seine Anordnungen treffend. Diese Ruhe und Sicherheit, sein rücksichtsvolles Wesen, wo es galt, Rücksicht zu nehmen, – stempelten ihn diese Eigenschaften nicht zum echten, menschlich fühlenden und denkenden Arzte, zu welchem die Kranken mit unbedingtem Vertrauen aufblicken konnten? Vielleicht waren jetzt gerade Floras um Hoffnung flehende Augen auf ihn gerichtet, und, – o Gott, wie schwer mußte das sein, – vielleicht konnte er ihr keine mehr geben, vielleicht war schon alles vorbei!
Wenn sie nur wüßte, wie es ging, die Stunden schlichen so langsam dahin, eben schlug es draußen von den Türmen in langsamen Schlägen zwölf Uhr. Die Geisterstunde, wie Ilse schaudernd dachte. Ihre lebhafte Phantasie war von den schaurigen Bildern erfüllt. Bald starrte ihr aus einer Ecke das totenblasse, verzerrte Gesicht des Doktor Gerber [pg 203]entgegen, oder Leo erschien ihr, und seine Augen schauten sie traurig und vorwurfsvoll an. Aus allen Winkeln grinsten sie Fratzen und Gestalten an; die weißen Gardinen erschienen ihr wie wallende Gewänder von Gespenstern, wo sie hinblickte, sah sie etwas Gräßliches. Nein, so hielt sie es nicht länger aus! sie erhob sich aus ihrer dunklen Ecke und trat an den Tisch.
Orla blickte auf.
„Es ist spät geworden, wollen wir zu Bett gehen, Ilse?“
„Ach Orla, ich kann doch nicht schlafen, ich bin zu aufgeregt.“