„Ich bleibe gern mit dir auf,“ erwiderte Orla und erhob sich. „Komm, wir wollen nach der Kleinen sehen, ob sie ruhig schläft.“

Ilse schmiegte sich dicht an die Freundin, als sie über den Vorplatz gingen, und sah sich fortwährend furchtsam um. Als Orla beim Vorbeigehen den Schirmständer streifte, schreckte Ilse bei dem Geräusch jäh zusammen und umklammerte die Russin mit beiden Händen.

„Kind, ich glaube wahrhaftig, du fürchtest dich,“ sagte Orla erstaunt, da ihr Furcht etwas ganz unbekanntes war.

„Ach nein, nur heute abend,“ stotterte Ilse verlegen, die sich gerade von Orla nicht gern dabei ertappen ließ, daß sie ein Hasenfuß war.

Das Zimmer, in welchem Käthchen schlief, war nur schwach durch eine Nachtlampe erleuchtet, deren matter Schein auf dem weißen Bettchen lag. Die jungen Mädchen beugten sich darüber und betrachteten das sanft schlummernde Kind.

„Wie entzückend!“ flüsterte Ilse.

„Armes, kleines Ding!“ sagte Orla und küßte es auf das weiche Bäckchen.

„Wie es nur bei Gerbers aussehen mag,“ meinte Ilse und ließ sich auf einen Schemel zu Füßen Orlas, die sich [pg 204]neben das Bettchen gesetzt hatte, nieder. Die Freundin konnte nur mit einem Achselzucken antworten; auch sie beschäftigte sich innerlich fortwährend mit dieser Frage.

„Ich kann mir gar nicht denken, daß er nicht wieder gesund wird,“ fuhr Ilse fort. „Es wäre doch schrecklich, so jung sterben zu müssen.“

„Danach fragt der Tod nicht,“ sprach Orla leise wie in Gedanken versunken vor sich hin. „Meine Eltern waren auch noch jung, als sie starben und mich als Waise zurückließen.“